Die Medusa von Hallstatt
Eine kleine Sensation aus der Römerzeit
Die Medusa von Hallstatt ist zwar nur etwa 1,5 cm hoch und doch zählt sie zu den bedeutendsten Einzelfunden aus der römischen Antike in Oberösterreich. Es handelt sich bei diesem überaus qualitätvollen Schmuckstück um eine Kamee, die wahrscheinlich im 2. Jahrhundert n. Chr. in Aquileia an der nördlichen Adria hergestellt worden ist. Entdeckt wurde sie im Juni 2025 bei Ausgrabungen der Grabungsfirma ARDIS und der OÖLKG im Auftrag der Salzwelten GmbH im Bereich der Talstation und damit mitten in der ehemaligen römischen Siedlung.
Der Kopf der Medusa wurde aus einem schwarz-weiß gebänderten Achat – auch Onyx genannt – geschnitten. Es ist die erst dritte römische Kamee, die in Oberösterreich zu bewundern ist. Im Stadtmuseum Wels – Minoriten ist ein goldener Fingerring mit einer Löwen-Kamee ausgestellt und im Museum Lauriacum ein Goldring mit der Darstellung des gefesselten Amor.
Die Medusa von Hallstatt ist größer als die beiden Kameen aus Wels und Enns, außerdem ist das Relief erhabener gearbeitet. Die Schrägansicht ist wohl auf die Gestalt des rohen Onyx zurückzuführen, der der Künstlerin oder dem Künstler zur Verfügung gestanden hat. Für einen Ring wäre die Kamee sehr groß, eine Fassung in einem Ohrring wäre eventuell denkbar, wahrscheinlicher ist aber, dass sie einst die Halskette einer wohlhabenden römischen Frau geziert hat.
Die Römer und das Salz
Seit über 7500 Jahren prägt das in Hallstatt gewonnene Salz die Region. Das „weiße Gold“ war lange Zeit eines der wichtigsten Konservierungsmittel, und die Herrschaft über das kostbare Gut war mit Prestige und Reichtum verbunden. Funde der Bronzezeit und der frühen Eisenzeit („Hallstattzeit“) im Salzberg und im Hochtal haben den Fundort weltweit bekannt gemacht. Für die Jüngere Eisenzeit („Latènezeit“) ist ebenfalls Bergbau nachweisbar, dazu gibt es Hinweise auf Siedlungsaktivitäten auf der sog. Dammwiese.
Die Römer, die spätestens um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Kontrolle über das Gebiet des heutigen Oberösterreichs bis zur Donau übernahmen, beuteten alle für sie relevanten Rohstoffe aus. Rom erhob deshalb wahrscheinlich auch sehr rasch Anspruch auf das Hallstätter Salz. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass der Bergbau in der Tradition der späten Eisenzeit fortgeführt worden ist, die Römer aber die Verwaltung des Standortes und damit den Vertrieb des „weißen Goldes“ übernommen haben. Dafür errichteten sie eine Siedlung (vicus), deren Zentrum im Bereich der heutigen Talstation lag. Trotz zahlreicher Ausgrabungen ist das Wissen um Aussehen und Größe der Siedlung eingeschränkt, auch der antike Name ist nicht überliefert.
Die römische Siedlung von Hallstatt
Erste Fundmeldungen zu römischen Objekten aus Hallstatt stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert. 1858 bis 1860 wurden unter der Leitung von Johann Georg Ramsauer entlang des Echerntalwegs römische Grabbezirke freigelegt, die einst mit beeindruckenden Grabmonumenten ausgestattet waren. Im Jahr 1983 konnten sechs weitere Gräber untersucht werden.
Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Bereich der heutigen Talstation erstmals Reste der zugehörigen Siedlung angeschnitten. Die weitreichendsten Erkenntnisse verdanken wir jedoch Friedrich Morton, der von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre jede Gelegenheit nutzte, um neue Erkenntnisse zu erlangen. Umbauarbeiten im Bereich der Talstation ermöglichten 2015 eine größere Ausgrabung durch das OÖ. Landesmuseum und die Universität Innsbruck. Auf diesen Forschungen beruht auch der aktuelle Gesamtplan zum römischen Hallstatt. Die Ausgrabungen 2025 schlossen an die Grabungsfläche 2015 an und führten zu kleineren Ergänzungen.
Gegenüber vom Eingang des Kultur- und Kongresshauses liegt das Sportgeschäft Janu. In dessen Keller können u.a. Überreste eines massiven römischen Gebäudes besichtigt werden. Es ist durchaus möglich, dass im Bereich des heutigen Ortskernes auch noch eine römische villa situiert gewesen ist.
Mythos Medusa
Die Meeresgottheiten Phorkys und Keto hatten drei Töchter, die auch Gorgonen genannt wurden. Eine davon war Medusa, sie war als einzige der Gorgonen sterblich. „Diese entehrt der Fürst des Meeres ... in Minervas Tempel.“ ist in Ovids Metamorphosen zu lesen. Ihre außergewöhnliche Schönheit war Medusa zum Verhängnis geworden. Neptun (griechisch: Poseidon) vergewaltigte sie in einem Tempel der Minerva (griechisch: Athena). Die Göttin der Weisheit und strategischen Kriegsführung rächte sich allerdings nicht an ihrem Onkel sondern an der unschuldigen Medusa und verwandelte sie in ein Ungeheuer mit Flügeln und Schlangenhaaren, deren Anblick zum augenblicklichen Erstarren führte. Die Göttin Minerva war dann auch noch in Medusas Tod verstrickt. Sie stattete den Heros Perseus, der den Auftrag erhalten hatte, die Gorgone zu töten, mit einem verspiegelten Schild aus. Der indirekte Blick verhinderte eine Versteinerung und so konnte Perseus Medusa enthaupten. Das abgetrennte Haupt wurde zu Perseus‘ Superwaffe.
Der mit Schlangenhaaren umrahmte und geflügelte Kopf der Medusa – auch Gorgoneion genannt – ist ein äußerst beliebtes Motiv in der griechischen und römischen Antike. Es gilt als Schutzsymbol, das Unheil abwehren soll. Und so findet es sich in und auf Gebäuden, Denkmälern, Waffen, Schmuck u.v.m. Ob die Medusa von Hallstatt ihrer Besitzerin Glück gebracht hat, ist nicht zu sagen, sie ist aber jedenfalls ein Glücksfall für die Archäologie in Oberösterreich.
Ausgrabungen der OÖ Landes-Kultur GmbH
Die Archäologie zur Römerzeit ist ein wichtiger Forschungsschwerpunkt der OÖ Landes-Kultur GmbH. Es werden sowohl Projekte unmittelbar am Donaulimes als auch im sogenannten Hinterland durchgeführt. Ein wesentliches Ziel ist es, ein besseres Verständnis der Kultur- und Siedlungslandschaft im Nordwesten der römischen Provinz Noricum zu bekommen. Außerdem werden neue Erkenntnisse zu den Menschen und ihrer Umwelt gewonnen, die vor 2000 bis 1500 Jahren in Oberösterreich gelebt haben.
Das Jahr 2025 wird definitiv als besonders erfolgreiches Grabungsjahr in die Geschichte der OÖLKG eingehen. Von insgesamt sechs Ausgrabungen, an denen die Abteilung Römerzeit, Mittelalter- und Neuzeitarchäologie beteiligt gewesen ist, sind drei von besonderer Brisanz. Die in Thalheim bei Wels entdeckten Mosaiken, die bei einer gemeinsam mit der Universität Salzburg durchgeführten Forschungsgrabung freigelegt wurden, erregten zurecht internationale Aufmerksamkeit. Des Weiteren sind ein großer römischer Baukomplex, der eher unerwartet im Zuge des Theaterumbaus auf der Promenade in Linz Zutage kam, sowie die Ausgrabung in Hallstatt – beide gemeinsam mit der Grabungsfirma ARDIS – hervorzuheben. Die letztgenannte Grabung vor allem wegen dem bedeutenden Einzelfund, der Medusa von Hallstatt, die ab 2026 in der neuen Dauerausstellung zur Archäologie in Oberösterreich im Linzer Schlossmuseum zu sehen sein wird.
Neue Standseilbahn Hallstatt
Bis Juni 2026 entsteht in Hallstatt die modernste Standseilbahn der Welt. Die Salzwelten GmbH realisiert das Projekt gemeinsam mit dem Architekturbüro Hasenauer.ARCHITEKTEN und der Doppelmayr Gruppe. Damit wird ein wichtiger Meilenstein für die Weiterentwicklung des Standortes gesetzt. Die neue Bahn steigert die Transportkapazität pro Fahrt von bisher 24 auf 60 Personen. Kürzere Wartezeiten, mehr Komfort und eine moderne Architektur machen den Besuch am Hallstätter Salzberg noch attraktiver.
Bevor mit dem Bau begonnen werden konnte, waren im Bereich der ehemaligen Wartehalle archäologische Grabungen erforderlich. Da hier bereits römische Baustrukturen nachgewiesen wurden, rechnete man mit weiteren Funden. Die Untersuchungen wurden – in Abstimmung mit der OÖ Landes-Kultur GmbH – von der ARDIS Archäologie GmbH durchgeführt und fanden von März bis August 2025 statt. Die Gesamtkosten für die Grabungen beliefen sich auf 84.774,96 Euro.
Neben Fundamentresten und kleineren Streufunden kam Anfang Juni ein außergewöhnlicher Fund ans Tageslicht: ein Schmuckstück, das sich rasch als etwas Besonderes erwies. Es liefert neue Hinweise auf die frühe Nutzung dieses Areals und zeigt, wie eng Hallstatt seit Jahrtausenden mit Geschichte verbunden ist.